Erwachte Beziehungen
Ein leeres Blatt kennt kein Trauma, Drama oder Hochgefühle, auch gibt es keinen Unterschied zwischen Täter oder Opfer, Handelndem und Duldendem.
Die Klarheit, die sich auf dem weissen Blatt entfaltet, fragt nicht nach einem Sinn oder Zweck, sie ist Liebe und Mitgefühl.

Jede Beziehung zwischen Partnern, Eltern und Kindern, aber auch Freunden kann das eigene Aufwachen unterstützen. Oftmals ist es sogar nützlich eine Person, welche meine seltsamen Angewohnheiten, meine Trigger und meine Abwehrmechanismen kennt, als Spiegel zu haben.
Ich bin allen Menschen in meinem Umfeld dankbar, die mir im Prozess meines persönlichen Wachstums und Aufwachsens immer und immer wieder die Tricks meines Egos vor Augen führten – manchmal liebevoll, manchmal brutal, aber immer wahrhaftig.
In dieser tabulosen, klaren Wahrheit liegt der Schlüssel jeder erwachten Beziehung.
Wahrheit oder Tabu?
Klassischen Beziehungen bestehen zumeist aus Abhängigkeiten: Kinder brauchen ihre Eltern und Partner- bzw. Freundschaften sind geprägt von dem verständlichen Wunsch, nicht allein durch die Welt gehen zu müssen. Diese Abhängigkeiten entstehen meist gegenseitig und oft schliessen die Beteiligten verschiedenste Deals. Die allermeisten davon sind unausgesprochen oder werden als selbstverständlich genommen. Irritationen entstehen nur, wenn das Unausgesprochene oder das Tabu aus den normalerweise gut verschlossenen Verliesen ans Licht drängt.
Wie aber sollen Menschen, die in Verwicklungen gefangen sind, füreinander aufrichtige Spiegel sein?
Es geht nicht.
Voraussetzung einer das Aufwachen unterstützenden Beziehung ist die Bereitschaft sich und den jeweils anderen zu konfrontieren und damit zum Wachstum beizutragen.
Der Unterschied zwischen Spiegeln und Wollen
Zumeist möchte ich etwas von meinem Gegenüber: ich möchte gesehen und verstanden werden, vielleicht möchte ich Anerkennung, Unterstützung, Sicherheit, Liebe oder Sex. Dieses Wollen und mein Gefühl etwas zu brauchen, kann ich je nach Fähigkeiten und Gemütszustand in Forderungen, Verführungen oder Manipulation verpacken. Mit Wahrheit hat dies wenig zu tun, vielmehr ist es eine mehr oder weniger charmant abgewogene Aufforderung zur Befriedigung meiner Bedürfnisse.
Konfrontieren bzw. Spiegeln ist losgelöst von meiner Bedürftigkeit und den Irrwegen meines Egos. Es ist ein Geschenk an das Gegenüber. Bin ich dabei achtsam und mitfühlend, braucht es auch keine Schutzfolie, denn Wahrheit entfaltet sich von selbst.
Genauso wichtig wie eine gefühlte Wahrheit auszusprechen, ist aber auch die Fähigkeit des Gegenübers diese Hinweise, Kritik und Liebe anzunehmen, ohne Kränkungen bzw. Illusionen zu entwickeln.
Der Schlüssel liegt im Mitgefühl
Beides setzt Mitgefühl voraus – Mitgefühl mit dem anderen und Mitgefühl mit mir selbst.
Jede Beziehung hat eine Geschichte von Illusionen, Projektionen und Verletzungen, und oftmals braucht es hier eine Trennung um das Alte, was sich nicht nur in die Erinnerung gefressen hat, sondern unzählige Identitäten erschuf, hinter sich zu lassen.
Es ist keineswegs einfach aus Erlebten ein weisses Blatt zu machen.
Das Erlebte verschwindet nicht, es ist geschehen. Was jedoch transformiert werden kann, ist die wertende Interpretation. Alles Geschehene, unabhängig ob es erfüllend oder verletzend war, ob es mich bestärkt oder gekränkt hat, hat mich genau zu der Person gemacht, die ich bin.
Nur diese Person kann erwachen.
Alles andere sind Identitäten in einer Scheinwelt, es sind Figuren auf einem kosmischen Spielfeld dessen Sinnhaftigkeit sie zu verstehen versuchen und dennoch nie erkennen werden – das Gewebe und wie alles miteinander verflochten ist, übersteigt jeden Verstand – es kann nur demütig erfühlt und akzeptiert werden. Das weisse Blatt oder der leere Raum kennen kein Trauma, Drama oder Hochgefühle, auch gibt es keinen Unterschied zwischen Täter oder Opfer, Handelndem und Duldendem.
Die Klarheit, die sich auf dem weissen Blatt entfaltet, fragt nicht nach einem Sinn oder Zweck, sie ist grenzenlose Liebe und Mitgefühl.
Das Geschenk einer erwachten Beziehung
Das Geschenk meiner erwachten Beziehung ist, einen Menschen getroffen zu haben, der mich immer wieder daran erinnert; der keine Rücksicht nimmt auf meine alltäglichen Verwicklungen, der allumfassende Liebe, sowie schmerzhafte Klarheit miteinander verbindet und das gleiche von mir erwartet.
Das bleibt herausfordernd, aber es hält mich lebendig und hilft mir in melancholischen Momenten nicht im blubbernden Sumpf falscher Harmonie zu versinken.
Bist Du bereit Dich deinen Partnern und Freunden, deinen Kindern und Eltern mit deiner Wahrheit zu zeigen?
Bist Du bereit alles zu riskieren und den Morast der Alltagslügen hinter Dir zulassen?
Schläfst Du noch, oder liebst Du schon?